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| 17.02.2005 - Ein ehemaliger NPD-Führer packt aus |
| Geschrieben von: 23 |
| Kategorie: |
Faschismus und Rassismus |
Frontal21
Hitler als Vorbild
Ein ehemaliger NPD-Führer packt aus
Auch in Schleswig-Holstein versucht die rechtsextreme NPD ins Parlament zu kommen. Wie in Sachsen will sie die Wähler mit den Themen Arbeitslosigkeit und Sozialabbau ködern. Doch im Innenleben der NPD herrscht ein ganz anderer Geist.
von Rainer Fromm, Mitarbeit: Jörg Fischer, 15.02.2005
Die rechtsextreme NPD gibt sich im Wahlkampf harmlos. Mit einem netten Liederabend will sie in der Provinz neue Wähler anlocken. Und so sind tatsächlich neben den Skinheads auch ganz "normale" Jugendliche gekommen. Ihr wahres Gesicht zeigt die NPD bei solchen Veranstaltungen freilich nicht.
Das war vor vier Jahren noch anders. Jürgen Gerg war damals NPD-Landesgeschäftsführer mit einer langen Karriere. Inzwischen ist er ausgestiegen. Erstmals berichtet ein ehemaliger hoher NPD-Funktionär über die Strategie der NPD und seinen Weg in den braunen Sumpf.
Erste rechte Einstellungen und Parolen
"Das begann bei mir damit, dass ich als Jugendlicher zum Fußball gegangen bin, als Fan des VFB Lübeck", erzählt Gerg. "Die hatten damals eine sehr rechtslastige Fanszene. Da ergibt sich schnell das eine oder andere: Man lernt Leute kennen, bekommt Aufkleber, Flugblätter oder ähnliches in die Hand gedrückt und bekommt die ersten Einstellungen und Parolen mitgegeben. Dann entwickelt sich das sehr schnell."
Gerg wird Mitglied in unterschiedlichen Neonazi-Organisationen, steigt in der NPD bis zum Landesvorsitzenden auf. Er wird Bundestagskandidat und baut die Jugendorganisation der Rechtsextremen in Schleswig-Holstein auf. Doch dann kommen ihm Zweifel. Er gerät in eine persönliche Krise, steigt schließlich 2003 aus.
Er kennt die wahren Ziele der Rechtsextremen, will heute öffentlich warnen und aufklären: Die NPD - eine Bedrohung der Demokratie. Jürgen Gerg berichtet über die Ziele der Partei: "Es ging und geht um eine ganz klare Systemalternative. Man will nicht die Demokratie retten, sondern will sie im Prinzip beseitigen oder stark einschränken durch ein autoritäres System."
Bewunderung für Hitler
"Die NSDAP war immer eine Art Vorbild, gerade in organisatorischer Sicht und in der Art und Weise, wie sie aufgetreten ist. Da versucht man vieles nachzuahmen, auch mit den Fahnenaufmärschen bei den Parteitagen gilt sie als relativ großes Vorbild. Natürlich wird immer mal wieder in Publikationen darauf hingewiesen, dass sie Fehler gemacht hätte, wie in der Kriegsführung, womit man versucht, Dinge zu relativieren. So nach dem Motto: Wenn sie dies und das nicht gemacht hätte, wäre doch eigentlich alles wunderbar in Ordnung gewesen", erzählt Gerg.
Und auch die politischen Vorbilder vieler NPD-Mitglieder seien laut Gerg immer die Nazi-Führer gewesen: "Einige bewunderten Adolf Hitler, die anderen Heinrich Himmler oder Ernst Röhm. Einigkeit herrschte immer bei Rudolf Hess. Auf die ein oder andere Art und Weise war jeder dem NS (Nationalsozialismus) verbunden", berichtet der Aussteiger.
Frontal21
Hitler als Vorbild
Ein ehemaliger NPD-Führer packt aus (Teil 2)
Heinrich Himmler war Chef der SS, Organisator der Vernichtungslager und verantwortlich für den Massenmord an den europäischen Juden. Ernst Röhm war Führer der braunen SA-Schlägerkommandos.
Hitler lässt ihn ermorden, als Röhm zu mächtig wird. Rudolf Hess schließlich war Stellvertreter Adolf Hitlers und unterzeichnete die Nürnberger Rassegesetze.
Dazu äußert sich NPD-Aussteiger Gerg: "Da gibt es unterschiedliche Positionen in Bezug auf den Holocaust. Es gibt Leute, die leugnen ihn und sagen, den habe es nicht gegeben. Mit denen kann man über den Punkt nicht diskutieren - zu diesen Leuten gehörte damals auch ich. Und es gibt Leute, die versuchen, den Holocaust zu verharmlosen oder zu relativieren, indem sie versuchen, die Opferzahlen nach unten zu manipulieren oder herunterzulügen."
Anwalt der kleinen Leute
Mit Hartz IV wird Stimmung gemacht. Die NPD präsentiert sich als Anwalt der kleinen Leute. Eher beiläufig tritt das zweite Gesicht dieser Partei zu Tage: Verherrlichung des Krieges, der Waffen-SS und völkischer Ideologie.
Die NPD-Strategie ist folgende: Man sagt Sozialprotest und verschweigt Rassismus und Kampf gegen die Demokratie. "Man versucht, sich verstärkt der sozialen Programmatik in Deutschland anzunehmen, der hohen Arbeitslosigkeit und dem Sozialabbau", sagt Gerg. "Da versucht man, von der rein politischen Schiene des 'Ausländer raus' umzuschalten und das zu kombinieren mit sozialen Parolen."
"Ideologisch verpackt"
Dazu meint der Soziologe Prof. Dr. Richard Stöss: "Sie wissen, dass sie an die unmittelbaren Probleme der Menschen anknüpfen müssen, und das ist natürlich nicht die Wiederherstellung des Großdeutschen Reiches. Ganz im Gegenteil, früher haben sie mit ihren Parolen sogar noch Spott in Ostdeutschland gekriegt, weil die gesagt haben: Mit den Polen wollen wir uns nicht wiedervereinigen. Nein, es sind genau diese wirtschaftlichen und sozialpolitischen Probleme, die aber ideologisch so verpackt werden müssen und zwar so, dass der Nationalstaat praktisch immer im Hintergrund steht."
Jürgen Gerg hat es kennen gelernt, das doppelte Gesicht der NPD. Er warnt jedoch vor einem Verbot. Das würde die rechtsextreme Szene weiter radikalisieren, denkt Gerg: "Ein Verbotsverfahren führt eigentlich nur dazu, dass die Einstellung noch gefestigter und noch radikaler innerhalb der Szene wird und dass man sich noch mehr in ein vermeintliches Martyrium gedrängt fühlt und sich noch stärker in der Gesellschaft isoliert fühlt. Dadurch fühlen sie sich noch stärker in der Position: Wir sind das andere, wir sind das bessere Deutschland, deswegen werden wir bekämpft. An den Einstellungen ändert sich überhaupt nichts, im Gegenteil, es festigt sie eigentlich noch."
"Erst die anderen Mittel"
"Parteien in einer Demokratie, wo Volkssouveränität herrscht, zu verbieten, ist ein außerordentlich problematisches Vorgehen. Das sollte man eigentlich nur als letztes Mittel, wenn alle anderen Mittel versagen, tun", sagt auch Stöss. "Aber wir haben noch nicht alle anderen Mittel ausprobiert. Das heißt, wir müssen erst die anderen Mittel wirklich fahren - im repressiven und im präventiven Bereich."
Vor allem Aufklärung tut Not, sagt Jürgen Gerg. Aufklärung der jungen Wähler, die leicht den populistischen NPD-Parolen auf den Leim gehen.
von Rainer Fromm, Mitarbeit: Jörg Fischer
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