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| 10.11.2003 - I.G. Farben aufgelöst |
| Geschrieben von: 23 |
| Kategorie: |
International |
IG Auschwitz aufgelöst. Proteste in FfM
von Initiative gegen IG Farben - 10.11.2003 18:31
Der seit nunmehr 58 Jahren "in Auflösung befindliche" größte Chemiekonzern Nazideutschlands IG Farben bzw. seine Nachfolgeorganisation IG Farbenindustrie AG in Abwicklung meldet Insolvenz an, ohne dass die überlebenden SklavenarbeiterInnen des IG Farben-Konzentrationslagers Auschwitz-Monowitz entschädigt worden wären. In Frankfurt demonstrierten 40-50 Menschen gegen diesen letzten in einer unendlichen Reihe skandalöser Vorgänge.
Mit dem Saalbau Frankfurt-Dornbusch stellte heute die Stadt Frankfurt wohl zum letzten Mal der IG Farben i.A. Räumlichkeiten zur Verfügung. Nicht aber weil ihr zur Einsicht gekommen wäre, dass es sich bei der IGF um eine Firma handelt, mit der noch heute Profit aus der Shoah gezogen wird, sondern weil die IGF wohl tatsächlich in kürzester Zeit abgewickelt wird. Damit ist zwar eine der zentralen Forderungen der GegnerInnen der IGF erfüllt, die Umstände dieses Vorgangs lassen ihn aber in weitaus schlechterem Licht erscheinen. Die Liquidatoren der IGF Bernhardt (Rendsburg, MdB) und Pollehn (Hamburg) wollen Insolvenz anmelden.
Der Konzern Interessengemeinschaft Farben (zusammengesetzt aus BASF, Bayer, AGFA...) war der größte deutsche Konzern vor und während der Nazi-Zeit. Er profitierte vom Krieg (Sicherung des alleinigen Rechtes auf die Belieferung der Wehrmacht mit Benzin etc.), profitierte an der Herstellung des in den Vernichtungslagern eingesetzten Gases Zyklon B durch Beteiligungen an dessen Herstellerfirma Degesch, und ließ in der Nähe des größten Vernichtungslagers Auschwitz (Birkenau) mit dem Lager Auschwitz III- Monowitz ein eigenes Konzentrationslager betreiben, dessen Insassen in den IG Farben-eigenen Buna-Werken Sklavenarbeit verrichten mussten. Allein in Monowitz wurden schätzungsweise 30.000 Menschen ermordet. ?Bei sinkender Leistung, Arbeitsunfähigkeit aufgrund einer längeren Krankheit oder Invalidität ließen I.G. Farben-Angestellte Häftlinge bei den regelmäßigen Selektionen durch die SS nach Birkenau zur Vernichtung abschieben.? (aus: Hans Frankenthal - Verweigerte Rückkehr, Fischer)
Nach dem Krieg wurde die IG Farben von den Alliierten zerschlagen: Es entstanden die Firmen BASF, Bayer und Hoechst (heute: Aventis), die alle heute größer sind als es der einstige IGF-Konzern je war. Zur Regelung von ?offenen Vermögensfragen? wurde die IG Farbenindustrie AG in Abwicklung gegründet, die sich nach dieser Regelung auflösen sollte. Sie war keineswegs dazu bestimmt sich, wie sie es tat, 58 Jahre lang "abzuwickeln", Renten an ehemalige Angestellte auszuzahlen (!) und für den Profit ihrer Aktionäre, die sich mitunter sogar aus alt- und neonazistischen Kreisen rekrutierten, zu sorgen.
?Jahr für Jahr konnten sich die alten Nazimörder auf ihren Aktionärsversammlungen treffen, sich darüber unterhalten, dass früher alles besser gewesen sei und mit ein wenig Geld, das den Überlebenden des Nationalsozialismus und deren Nachkommen gehört, herumwirtschaften.
Seit 15 Jahren werden sie dabei von Protesten gestört , die von Überlebenden und Angehörigen derjenigen, die in Auschwitz ermordet wurden, begonnen wurden. Von Anfang an ging es bei diesen Protesten um die endgültige Abwicklung dieser Nazinachfolgefirma und um die Verwendung des Restvermögens für Zahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter und für eine Gedenkstätte in Auschwitz-Monowitz. Überlebenden, die als kritische Aktionäre auf diesen Versammlungen sprechen wollten, wurde mit unverhohlener Aggression begegnet.
Der Überlebende von Monowitz, Hans Frankenthal, hatte die Proteste von Anfang an vorangetrieben. Als er im August 1999 in einer Hauptversammlung der IG-Farben AG daran erinnerte, was ihm, seiner Familie und Millionen Menschen angetan wurde, warf ihn der Saalschutz auf Anweisung der Versammlungsleitung aus der Aktionärsversammlung. Hans Frankenthal ist Ende 1999 verstorben.? (aus einem Flugblatt des Marburger Büdnisses gegen IG-Farben)
Die letzten Liquidatoren der IGF hatten angekündigt, das Unternehmen bis Ende 2004 abzuwickeln und einen Fonds zur ?Entschädigung? der IGF-Sklavenarbeiter mit 500.000 ? eingerichtet, was angesichts der Dimensionen des Leides und der von IGF begangenen Verbrechen ansich schon eine Verhöhnung der Opfer darstellt. Der Liquidation kam nun die Insolvenz zuvor, die, laut Bernhardt und Pollehn, aufgrund der Zahlungsunfähigkeit einer anderen Firma, der WCM AG, die in Verpflichtungen gegenüber der IGF stand, notwendig geworden war. Die WCM war bis 1993 Tochter der IGF. Nach Drängen eines IGF-Großaktionärs, so die Liquidatoren, sei die WCM, eine Immobilienfirma, zur Mutter der IGF geworden und das Kapital der IGF deutlich geschrumpft. Die WCM bekundete, laut Pollehn und Berhardt, aber 2001, eine andere Firma der IGF zu erwerben und damit der IGF wiederum finanzielle Mittel zufließen zu lassen. Durch die Insolvenz der WCM sei nun auch die IGF gezwungen gewesen, Insolvenz anzumelden.
Undurchsichtige Transaktionen und möglicherweise sogar Aktienbetrug kennzeichnen (nicht nur) das Ende der IGF. So ist den Beteuerungen der Liquidatoren wohl auch nicht zu glauben, dass zumindest der spärliche Entschädigungsfonds erhalten bleibe. Ihre Unverfrorenheit und ihren (notwendigen) Unwillen, sich auch nur irgendwie mit der Geschichte der IGF kritisch auseinanderzusetzen, offenbarten die beiden Liquidatoren in ihrer Pressemitteilung, in der die Geschichte der IGF ohne Hinweis auf Auschwitz oder auch nur den NS abgehandelt wird und in ihrem Bekunden, die Übernahme der Aufgabe der Liquidation sei eine ?ungewöhnlich reizvolle und verantwortungsvolle Aufgabe zugleich gewesen?, die ihnen ?Höhen und Tiefen des ehemals größten deutschen Konzerns vor Augen geführt habe.?
?Die Proteste gegen das alljährliche Nazitreffen der IG-Farben standen unter der Parole: ?IG-Farben auflösen!?. Die permanente Beleidigung für die Opfer des Nationalsozialismus und die Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager, welche schon allein die Weiterexistenz einer Firma mit diesem Namen bedeutet, die bis heute für die enge Komplizenschaft zwischen deutschen Unternehmen, deutschem Staat und den ganz gewöhnlichen Deutschen steht, sollte beseitigt werden. Mit einer Auflösung, wie sie nun aus finanziellen Gründen anzustehen scheint, gelänge es der Nazi-AG, ihren Namen verschwinden zu lassen und ihre Opfer gleichzeitig ein letztes Mal zu schmähen.? (aus dem Flugblatt des Marburger Bündnisses)
Die etwa 40-50 anwesenden Protestierenden wurden auch dieses Mal (wie in den Jahren zuvor nicht zur Aktionärsversammlung) nicht in den Veranstaltungssaal gelassen, sondern von der Frankfurter Polizei (die auch dieses Mal wieder ihren Job im Sinne der IGF und wohl auch der Stadt Frankfurt bestens erfüllte) rüde des Hauses verwiesen. Dennoch ließ sich der Protest nicht überhören. Die Liquidatoren der IGF verließen den Ort der Pressekonferenz mit gesenktem Kopf unter Polizeischutz und in einem Mannschaftswagen der Polizei.
Auf Transparenten war zu lesen:. ?IG Farben i.m A.rsch! Jetzt gegen Degussa!?, ?Gegen Degussa, wegen Degesch!? und ?Bleiben: Bayer, BASF, Hoechst?. Dies sollte darauf hinweisen, dass es mit der Beseitigung der IGF i.A. nicht getan ist. Denn aufgelöst wurde die IG Farben nie, sondern existierte in den Nachfolgekonzernen weiter.
? Die Proteste gegen die IG Farben waren deshalb auch immer ein Kampf gegen den Frieden mit den Tätern. (...) Ein Kampf gegen das Verschweigen, Verdrängen, Verleugnen der deutschen Verbrechen.? (Marburger Bündnis)
Und noch ein Bericht aus der TAZ :
DIE AKTIONÄRE DER I.G. FARBEN WERDEN KEIN GELD ERHALTEN
Entwertete Blutaktien
Man könnte sich freuen. Nach 51 Jahren ist die Nachfolgegesellschaft der verbrecherischen Interessengemeinschaft Farben AG, die I.G. Farben in Abwicklung, endlich pleite. Zwei Generationen von Liquidatoren haben das Restvermögen der Firma offenbar restlos durchgebracht. Und all die unverbesserlichen alten Nationalsozialisten und jungen Nationaldemokraten, die geldgeilen Yuppies und die noch lebenden Angestellten der I.G.-Farben-Chemiewerke fast überall im besetzten Europa, die mit den Blutaktien der Firma noch den großen Reibach machen wollten, werden leer ausgehen.
Eigentlich hätte das Unternehmen schon Anfang der 50er-Jahre abgewickelt werden sollen. So jedenfalls lautete die Forderung der Alliierten, die den mit den Nationalsozialisten kooperierenden I.G.-Farben-Konzern zerschlagen hatten. Doch die deutschen Liquidatoren und die deutschen Aktionäre wollten ran ans durch mörderische Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft erwirtschaftete Restvermögen der Firma, die in Monowitz bei Auschwitz ein eigenes KZ betrieb, in dem alleine 30.000 Menschen zu Tode geschunden wurden. Ca. 2,2 Milliarden Euro aus dem I.G.-Farben-Besitz waren schon vor dem Zweiten Weltkrieg in die Schweiz geschafft worden. Zudem warteten die Blutaktionäre vergeblich auf Ausgleichszahlungen des Bundes für verloren gegangenen Besitz auf dem Boden der Ex-DDR. Eine widerliche Mischung der Spezies Homo sapiens präsentierte sich Jahr für Jahr auf der I.G.-Farben-Hauptversammlung. Gut, dass sie nichts bekommen werden.
Nicht gut ist, dass auch die noch lebenden ehemaligen Zwangsarbeiter keine Entschädigung mehr erhalten. Denn das angeblich noch existierende Restvermögen der I.G. Farben in Abwicklung von rund 10 Millionen Euro wird im Falle der Insolvenz wohl den Gläubigerbanken zugesprochen werden. Die könnten zu Gunsten der Opfer darauf natürlich verzichten. Und auch die Schweizer Großbank UBS AG, die das weitaus größere Restvermögen der I.G. Farben AG verwaltet, könnte ein entsprechendes Zeichen setzen. Nur: Wahrscheinlich ist das nicht." KLAUS-PETER KLINGELSCHMITT
taz Nr. 7203 vom 8.11.2003, Seite 15, 46 Zeilen (Kommentar), KLAUS-PETER KLINGELSCHMITT, veränderter Artikel in taz-Ffm
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