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20.11.2004 - NN zu Linken Literaturmesse-interview mit Esther Bejarano
Geschrieben von: 23
Kategorie: Sonstiges

http://www.nn-online.de/artikel.asp?art=268102&kat=48

Wir spielten, um unser Leben zu retten
Das Mädchenorchester von Auschwitz: Esther Bejarano über ihre neue Autobiografie
Bis zum Sonntag findet im Nürnberger Künstlerhaus die Linke Literaturmesse statt. Im Rahmen dieser Veranstaltung präsentiert am heutigen Samstag, 20 Uhr, Esther Bejarano ihre neue Autobiographie Wir leben trotzdem. Die Musikerin wurde in Saarbrücken geboren und 1943 von den Nazis in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert, wo sie Mitglied des so genannten Mädchenorchesters war. Nach der Hitler-Diktatur wanderte sie nach Palästina aus, kehrte aber 1960 nach Deutschland zurück. Am 15. Dezember wird Esther Bejarano 80 Jahre alt, ein paar Tage zuvor wird sie für ihr politisches Engagement mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille ausgezeichnet.

Frau Bejarano, warum hat es so lange gedauert, bis Sie Ihre Autobiographie geschrieben haben.

Esther Bejarano: Ich habe schon in den 70er Jahren begonnen, meine Geschichte aufzuschreiben. Daraus ist die Broschüre Man nannte mich Krümel entstanden, die besonders für Jugendliche gedacht ist. Das Interesse daran war groß. Die Geschichte ging allerdings nur bis 1960. Irgendwann habe ich gedacht, ich müsste auch über die Zeit danach schreiben.

Kann man sagen, dass eine Zahl, genau gesagt die Nummer 41 948, die Sie in den Arm geritzt bekamen, Ihr Leben geprägt hat?

Bejarano: Nicht die Nummer hat mein Leben verändert, sondern die Tatsache, dass ich in Auschwitz und Ravensbrück war. Die Erlebnisse in der Nazi-Zeit kann man nicht einfach wegwischen, die sind in meinem Gehirn. Insofern lebe ich bis heute damit. So schreckliche Dinge wie die Ermordung meiner Eltern und Geschwister, die bleiben an einem haften.

Was ist das für eine Erfahrung, wenn man auf einmal nicht mehr als Persönlichkeit wahrgenommen wird, sondern nur noch als Nummer?

Bejarano: In Auschwitz war man kein Mensch mehr. Man hat uns als Schmeißfliegen tituliert. Das ist natürlich eine zutiefst deprimierende Erfahrung, und deswegen haben sich im KZ so viele das Leben genommen, weil sie das einfach nicht verkraften konnten.

Wie haben Sie es geschafft?

Bejarano: Ich weiß das bis heute nicht. Irgendetwas hat mich dazu getrieben, dass ich gedacht habe: Du musst hier wieder rauskommen und dich an den Nazis rächen. Ich habe nie an Selbstmord gedacht. Die Anfangszeit in Auschwitz war schrecklich, weil ich so schwer arbeiten musste. Ich war damals völlig fertig und körperlich am Ende. Da kam unvermutet meine Erlösung, weil ich in das Mädchenorchester aufgenommen wurde.

Man könnte also behaupten, die Musik hat Ihr Leben gerettet? Bejarano: Genau genommen sind es einige Dinge, die mir das Leben gerettet haben. Aber vieles hat mit dem Orchester zu tun. Als ich schon Mitglied im Orchester war, bin ich schwer an Typhus erkrankt. Im jüdischen Krankenrevier des KZ hat man keine Hilfe bekommen. Aber weil ich die einzige Akkordeonistin im Orchester war, hat der berüchtigte Arbeitsführer Moll gesagt: Wir brauchen diese Musikerin wieder. Auf seinen Befehl wurde ich in das christliche Krankenrevier verlegt, das war meine Rettung. Und dann bin ich durch puren Zufall viel früher als meine Freundinnen wieder aus Auschwitz rausgekommen. Ich kam nach Ravensbrück, und das war im Gegensatz zu Auschwitz kein Vernichtungslager.

Könnten Sie mir die Arbeit im Mädchenorchester beschreiben?

Bejarano: Das Orchester, ungefähr 40 Frauen, musste morgens am Tor stehen, wenn die Arbeitskolonnen ausrückten, und abends, wenn sie wieder zurückkamen. Im Gegensatz zum Männerorchester mussten wir sonst nicht arbeiten, sondern konnten proben. Später haben sich die Nazis ausgedacht, dass wir auch am Tor stehen müssen, wenn neue Züge mit jüdischen Gefangenen kamen und direkt zu den Gaskammern rollten. Das wussten wir und mussten Marschmusik und leichte Unterhaltung spielen, wenn diese Züge ankamen. Aus den Waggons haben uns Leute, die die Musik hörten, zugewunken. Wahrscheinlich dachten sie, das kann ja nicht so schlimm werden, wenn da ein Orchester zur Begrüßung spielt.

Eine perverse Situation: Sie waren froh, im Orchester zu spielen, und wussten, dass Ihr Publikum in den Tod fährt. Was ist das für ein Gefühl?

Bejarano: Für uns war das eine Katastrophe. Oft spielten wir mit Tränen in den Augen, während hinter uns die SS-Leute mit Gewehren standen. Wenn wir uns gesträubt hätten, hätten sie uns abgeknallt. Wir haben gespielt, um unser Leben zu retten  eine entsetzliche psychische Belastung.

Wie schafft man es, nach solchen Erfahrungen wieder Lebensmut zu fassen und nicht zynisch zu werden? Hat Ihnen der Glaube geholfen?

Bejarano: Nein. Ich komme aus einem liberalen Elternhaus, mein Vater war Kantor in der jüdischen Gemeinde. Als ich dann all die schrecklichen Dinge in Auschwitz sah, habe ich mich gefragt, wie ein Gott zulassen kann, dass unschuldige Menschen ermordet werden. Ich kam zu der Überzeugung, dass es keinen Gott gibt.

Sie haben überlebt und erzählen Ihre Geschichte immer wieder, auch vor jungen Leuten. Ist das für Sie eine späte Genugtuung?

Bejarano: Ja, natürlich. Es hat lange gedauert, bis ich die Geschichte überhaupt erzählen konnte. Aber als ich damit angefangen habe, war das auch eine innere Befreiung. Eine Art therapeutischer Prozess, nachdem ich alles jahrelang in mich reingefressen hatte.

Welche Erfahrungen machen Sie bei Ihren Auftritten in Schulen?

Bejarano: Sehr positive. Es gibt heute in Deutschland eine Aktion Schulen ohne Rassismus. Ich bin Patin solch einer Schule in Lüneburg. Das ist schön, weil ich sehe, dass meine Arbeit Früchte trägt. Ich bin froh, das ich das machen kann, auch wenn ich nicht genau weiß, ob es was hilft. Aber ich finde, die Jugendlichen gehen heute mit der Nazi-Zeit ganz anders um als vor zwanzig Jahren. Viel unbefangener.

Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die politische Entwicklung in Deutschland?

Bejarano: Was die Jugend betrifft, bin ich optimistisch. Sie haben Abstand zur Nazi-Geschichte und trauen sich viel mehr, Fragen zu stellen. Auf der anderen Seite machen mir die Wahlerfolge der rechten Parteien vor allem in Ostdeutschland Angst. Es ist doch eine grauenvolle Vorstellung, dass eines Tages die vereinte NPD/DVU im Bundestag sitzen könnte. Es gibt in vielen Ländern Nazis, aber ausgerechnet hier in Deutschland ist das ein Unding. Da soll man sich nicht aufregen? Interview: STEFFEN RADLMAIER

Zur Lektüre: Esther Bejarano/Birgit Gärtner, Wir leben trotzdem. Pahl-Rugenstein Verlag, Bonn. 263 Seiten, 19,90 Euro.
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